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Der Verleger Dr. Reinhard Wulfhorst über die Arbeit der Edition Massonneau

Im Jahr 2012 gründete ich die Edition Massonneau Schwerin. In dem Musikverlag erscheinen Kompositionen, die in einer besonderen Beziehung zu Mecklenburg-Vorpommern stehen. Die Werke sind in aller Regel seit den Lebzeiten ihrer Schöpfer nicht mehr öffentlich aufgeführt worden. Hauptziel der Edition Massonneau ist es, das Standardrepertoire der immer wieder gespielten Meisterwerke um Wiederentdeckungen zu bereichern, die Interpreten und Publikum gleichermaßen überraschen und begeistern.

 

Die fünf Schritte auf dem Weg zur Veröffentlichung

Dem Erscheinen eines Werkes in der Edition Massonneau geht ein oftmals jahrelanger Prozess voraus.
 

1. Aufspüren der Autographe und Erstdrucke

Am Anfang steht das Suchen und Sammeln der Autographe und Erstdrucke, die auch bei Werken mit einem so ausgeprägt regionalen Bezug auf Bibliotheken in ganz Europa und Amerika verstreut sind. An erster Stelle ist der herausragende Notenbestand der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern Günther Uecker zu nennen. Aber auch in der Staatsbibliothek zu Berlin, der Bayerischen Staatsbibliothek München, der British Library oder Det Kongelige Bibliotek København sind viele Werke aus Mecklenburg und Vorpommern aufbewahrt. Die Arbeit in den Archiven, die auch in Zeiten des hilfreichen Internets unerlässlich ist, stellt man sich gemeinhin als „trocken“ vor. Für mich bringt sie aber wunderbare Augenblicke mit sich, wenn ich etwa die lange gesuchte autographe Handschrift der Komposition im Original erstmals in Augenschein nehmen darf. Aber auch der persönliche Kontakt mit den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in aller Welt, die den Stolz auf „ihre“ Notenbestände gerne mit anderen teilen und Unmögliches möglich machen, ist immer wieder eine schöne Erfahrung.
 

2. Vorauswahl

Auf der Basis der (zumeist digitalisierten) Autographe oder Erstdrucke ist eine Vorauswahl von Werken zu treffen, die für eine Veröffentlichung in Betracht kommen. Das ist ein strenger Prozess. Denn man tut den vielfach vergessenen Komponisten nur dann einen Gefallen, wenn ausschließlich solche Werke wieder „ausgegraben“ werden, die im Konzertsaal neben dem Standardrepertoire bestehen können.

Dieses Herausfiltern beginnt mit einem intensiven Blick auf das Notenbild; entscheidend ist aber das „prima-vista-Spielen“, zu dem sich befreundete Musiker bereit erklären. Das erfordert gerade bei schlecht lesbaren Vorlagen und stets fehlenden Taktzahlen viel Durchhaltevermögen. Bei größeren Besetzungen mache ich die Satzanfänge und andere wichtige Passagen dank moderner Notationssoftware relativ klanggetreu hörbar. Im Schnitt bestehen etwa 80 % der Werke diese strenge „Aufnahmeprüfung“ nicht. Es kann durchaus geschehen, dass ausgerechnet ein Werk, dessen Aufspüren mich besonders viel Aufwand gekostet hat, durch den Rost fällt.

Auswahlkriterium bei dieser Vorfilterung und bei der endgültigen Editionsentscheidung ist in erster Linie die musikalische Qualität des Werkes. Eine Rolle können aber auch Repertoirelücken und wichtige oder überraschende musikhistorische Bezüge spielen. Oder der Umstand, dass die Rezeptionsgeschichte mit einer Komponistin oder einem Komponisten besonders ignorant umgegangen ist. Und letztlich ist es mein persönlicher Geschmack, der entscheidet.
 

3. Entstehen des Notentextes

Anschließend entsteht der Notentext. Er soll möglichst eng an die Intentionen des Komponisten herankommen (siehe Editionsgrundsätze). Das erfordert eine intensive Arbeit mit dem Autograph bzw. Erstdruck. Für mich ist das oftmals eine „Vor-Interpretation“. Viele Fragen stellen sich: Sind bei Parallelstellen unterschiedliche Angaben zur Dynamik, Artikulation oder sonstigen Spielweise Absicht oder Nachlässigkeit? Sind für die Entstehungszeit überraschende Harmonien oder Dynamikanweisungen originelle Intention oder Schreib- bzw. Druckfehler? Stammen nachträgliche Korrekturen vom Komponisten? Das sind fast alles Fälle, in denen das Publikum den Unterschied hören würde, wenn man ihm die verschiedenen Versionen vorführen würde. Damit sich die Musiker dann auch anders entscheiden können, erstelle ich immer einen Editionsbericht, in dem jeder Zweifelsfall dokumentiert ist.
 

4. (Wieder)Erstaufführung und Editionsentscheidung

Fast immer entstehen die Ausgaben der Edition Massonneau im Zusammenhang mit konkreten Konzert- oder Aufnahmeprojekten. Das erleichtert nicht nur die Editionsentscheidung, sondern macht vom ersten Augenblick an deutlich, dass die Ausgaben nicht für Archive oder wissenschaftliche Veröffentlichungen gedacht sind, sondern für den Konzertsaal. Außerdem ist die Zusammenarbeit mit so renommierten Musikern wie dem Fauré Quartett, dem Geiger Daniel Sepec, der Mecklenburgischen Staatskapelle unter Christof Prick oder dem Staatsorchester Stuttgart unter Sylvain Cambreling eine wunderbare Erfahrung. Zu den „Wiedererstaufführungskünstlern“ zählen aber auch unbekanntere Interpreten mit einer ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit für verborgene Schätze wie die Geigerin Susan Doering, der Cellist Dieter Wulfhorst oder die Pianistin Yang Tai. Der schönste Moment im Entstehungsprozess jeder Ausgabe ist dann die Aufführung, wenn also das Werk, bei dem ich jede Note schreibend kennengelernt habe, erstmals auf dem Podium erklingt und eine Reaktion des Publikums herausfordert.

Die Editionsentscheidung fällt üblicherweise erst nach der Wiederaufführung. Denn auch die Reaktion des Publikums ist ein wichtiges Veröffentlichungskriterium. So hält der Käufer ein Werk in Händen, das die Feuertaufe des Konzertpodiums bereits bestanden hat.
 

5. Herstellung der Ausgabe: Nachkorrekturen, Vorwort, Editionsbericht, Layout

Musikerinnen und Musiker sollen die Ausgaben der Edition Massonneau gern in die Hand nehmen und mit Freude aus ihnen spielen. Vor dem Druck steht deshalb neben letzten Nachkorrekturen des Notentextes vor allem das „Drumherum“ im Vordergrund. Ein Vorwort in Deutsch und Englisch erschließt den historischen Kontext und informiert ausführlich über den Komponisten und – soweit bekannt – die Entstehungsumstände des Werkes. Der aktuelle Forschungsstand wird dabei durch eigene Recherchen ergänzt. Abgerundet wird der Text durch eine Abbildung der Komponistin / des Komponisten (möglichst aus der Entstehungszeit der Komposition) und einer Notenseite des Autographs / Erstdrucks. Um den Notentext für die Aufführung im Konzertsaal praxisgerecht zu präsentieren, sind Stichnoten, Vakatseiten zum besseren Umblättern und ähnliche Erleichterungen selbstverständlich. Ein Graphiker übernimmt die Gestaltung im bewährten Verlagslayout. Am Schluss steht die Herstellung auf hochwertigem, blendfreiem Papier in einer auf Notenausgaben spezialisierten Druckerei.

Die aufwändigen Ausgaben der Edition Massonneau zu einem fairen Preis sind nur möglich durch ein Netzwerk aus Musikern, Dienstleistern, Familienangehörigen und Freunden, die sich immer wieder von der Idee begeistern lassen und ihre Unterstützung für einen Freundschaftspreis oder sogar unentgeltlich zur Verfügung stellen. Ihnen allen möchte ich deshalb auch an dieser Stelle herzlich danken. So ist jede Notenausgabe der Edition Massonneau für mich mit beglückenden Begegnungen und Erfahrungen verbunden.